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Oberes Bedrettotal

Beschreibung

Die schöne Route mit Aussicht auf vier Seen beginnt in All'Acqua. Zunächst jedoch muss man den regen Verkehr bis zum Nufenenpass in Kauf nehmen.
Bei der zweiten Haarnadelkurve nach dem Pass führt der Weg weg vom Asphalt Richtung Griesspass. Man erreicht den Ausgangspunkt eines herrlichen Single Tracks, der sich auf der ganzen Länge steil über dem steinigen Seeufer hinzieht. Die Abfahrt bis Riale, entlang des Lago di Morasco ist zunächst holprig, teils schwierig, endet schliesslich auf der Landwirtschaftsstrasse. Nach der Siedlung geht es wieder aufwärts. Eine Schotterstrasse erklettert den Passo San Giacomo. Von dort führt ein Superdownhill zurück zum Ausgangspunkt.


Höchst elegante Runde am Nufenenpass mit einem Ausflug ins italienische Riale. Die viel befahrene Poststrasse lässt sich mit Variante A, dem Postauto umgehen. Die Highlights bilden die Aussicht auf die insgesamt vier Seen und der Superdownhill vom Passo San Giacomo nach All' Acqua.

Das Val Bedretto, eine geschwungene Furche, von der die Quellen des Ticino ausgehen, ist eine der letzten Zufluchtsstätten der Gletscher. Wenn man in ihren Bereich gelangt, wird man von einer heiteren und gleichzeitig tragischen Atmosphäre umhüllt. Seit Jahrtausenden halten die Gletscherzungen den kahlen, steinigen Boden in ihrem unerbittlichen Griff umklammert. Doch die ebenso beharrliche Sonne zerfrisst ihre glatte Oberfläche. Man erhält den Eindruck, einen stummen Kampf zwischen zwei Urgewalten mitzuerleben.


20. Juli

Wir gehen von All'Acqua aus, dem hintersten Dorf des Tales, wo die Felder sich lichten und die Hänge sanft und abgerundet erscheinen, als wollten sie an ihren Gletscherursprung erinnern. Auf der breiten Strasse durch den Talboden in Richtung Nufenenpass herrscht reger Verkehr; wir müssen es in Kauf nehmen, den ersten Teil unserer Tour mit den Autos zu teilen.
Zuerst führt die Strasse den Fluss Ticino entlang, der aus diesen Wäldern entspringt, dann klettert sie die steilen Hänge des Pizzo Nero empor, um schliesslich den Pass mit seinem kleinen See zu erreichen, der dank einer überraschenden optischen Alchemie alle die Walliser Berge reflektiert.
Das Panorama ist sehr weit, doch das Gelände lässt keine Durchgänge offen. Wir sind gezwungen, auf der gegenüberliegenden Seite abzusteigen und einen Teil der auf dem Asphalt gewonnenen Höhe wieder zu vergeuden.
Bei der zweiten Haarnadelkurve finden wir einen Fluchtweg: Eine Nebenstrasse schleicht sich heimlich nach links und dringt in ein verbor­genes Tal ein. An den steilen Nordhängen entdecken wir einige traurige Schneehaufen: Wer weiss, von welchem Lawinenniedergang sie herrühren? Sie siechen am Rand der Fahrbahn dahin, und wir überqueren sie schwungvoll, wobei eine Menge erfrischender Eissplitter in die Luft fliegen.
Wir folgen der Strasse in schräger Richtung, bis die weiss-roten Markierungen vom Asphalt zu einem holp­rigen Maultierpfad weisen. Rechts erscheint der majestätische Griesgletscher, gebeugt und runzlig; zu seinen Füssen liegt ein See in den Farb­tönen der Flechten. Die Oberfläche des Gletschers ist düster und von Steinhaufen übersät. So erscheint auch der See: matt und unfähig, den Glanz der Gipfel, die ihn umgeben, widerzuspiegeln. Und doch bergen beide eine gewaltige Energie, gezügelt in ihren undurchdringlichen Tiefen, doch jederzeit bereit, sich während einem sommerlichen Gewitter, einem Schneesturm oder unter den peitschenden Hieben des Nordwinds zu entfesseln.
Ein kleiner Abhang zwingt uns, das Fahrrad ein paar Dutzend Meter zu schieben. So erreichen wir den Ausgangspunkt eines herrlichen Single Tracks, der sich auf der ganzen Länge steil über dem steinigen Seeufer hinzieht. Die Buckel folgen sich in hektischem Rhythmus, die Kurven treiben ihr Spiel mit den steilen Abhängen. Schliesslich erreichen wir den Gries­pass, eine kleine, einsame Mulde in der Unendlichkeit der Berge. Da oben erleben wir nicht nur den Abgrund der steilen Felsvorsprünge, sondern auch den inneren Abgrund, der durch den Nebel, die Steinhaufen und den Wind hervorgerufen wird, der den Atem raubt, sich beruhigt und unversehens wieder tobt.
Die Abfahrt auf der andern Seite, gegen das Val Formazza, ist eine glatte, in das Gras gekerbte Rutschbahn.
Wir legen die rasch aufeinander folgenden Kurven eilig zurück, doch nachdem wir einen Wildbach durch­watet haben, wird der Boden holpriger und zwingt uns zu schwierigen Drahtseilakten. Dann durchquert der Weg eine weite Hochebene zwischen den Bergen und mündet in die Landwirtschaftsstrasse nach Riale. Das kleine Walserdorf liegt zu Füssen eines malerischen Oratoriums, als ob die schönen Häuser mit Steindach sich zum schweigenden Gebet versammelt hätten.
Nach der Siedlung geht es wieder aufwärts. Eine Schotterstrasse erklettert die Grashänge des Basodino. Der gewaltige Gipfel zeigt hier sein sanftes Gesicht, das den Leuten im Maggiatal unbekannt ist: Sie sind es gewohnt, seine vom Gletscher gekrönte Nordseite zu sehen. Die Strasse dringt dann in das Val Toggia mit seinem schönen Stausee ein, um schliesslich den Passo San Giacomo zu erreichen und sich plötzlich im hohen Gras zu verlieren, zusammen mit unseren verbliebenen Kräften. Doch der Aufstieg ist geschafft, auf unserer Marschtabelle bleibt nur noch die lange Abfahrt ins Bedrettotal.
Die Hütten von San Giacomo erwarten uns wenig unterhalb der Passhöhe. Wir erreichen sie, indem wir den tiefen Furchen folgen, die von den Kühen während ihres unermüdlichen Gangs durch das Weideland eingegraben wurden. Die Spuren durchqueren einen unsicheren Sumpf und führen uns dann durch ein wenig steiles Gelände zur Mulde von All'Uomo, wo das Gefälle plötzlich wieder zunimmt. Ein Wegweiser gibt einen geheimnisvollen «vecchia mulattiera» (alten Maultierpfad) an, dem wir neugierig folgen. Der Abstieg zwischen den Felsen und den Alpen­rosen, die den Hang erobert haben, verlangt erneut zu Zweiradakrobatik.
Etwa hundert Meter weiter unten, vor der Alpe Val d'Olgia, erblicken wir den Maultierpfad. Er ist breit und flüssig befahrbar, wir folgen ihm mühelos, vorerst über gepflegte Weiden, dann durch einen lichten Lärchenwald.
Auf dem Talboden rumort der Fluss Ticino. Hier ist er noch ein munterer Wildbach - wie viele Kilometer noch? - bevor er sich in den abgestumpften Fluss verwandelt, der in den Lago Maggiore und dann in den Po fliesst.

Alfio Cerini, Tessin auf zwei Rädern, Dadò Editore, Locarno, 2008

Eigenschaften

  • HÖHENUNTERSCHIED 1.677 m
  • HÖHE 2.487 mslm
  • DISTANZ 39,7 km
  • Benötigte Zeit 4,5 h
  • REGION Valle Leventina h
  • ABFAHRT Bedretto, All' Acqua
  • SEHENSWÜRDIGKEITEN All' Acqua - Alpe di Cruina - Passo della Novena - Passo del Gries - Riale - Rifugio Maria Luisa - Passo San Giacomo - San Giacomo - All' Acqua
  • INDIKATIONEN Nicht fahrbar: 2 - 5 Min.
    Jahreszeit: Juli - Oktober
    Fahrtechnik: 4
    Kondition: 4
  • STRECKE Mountainbike-Tour