Geschichte: Eine Kunst zum Erlernen

Wo aus Launen der Natur Luxusartikel werden

In der Nähe von Lugano, in der Werkstatt des Drechslermeisters, erwacht das Holz zum Leben.

Aus Holzabfällen der umgebenden Gärten und Wälder entstehen in Lamone wunderschöne Dekorationsartikel. Matthias Bachofen, einziger gelernter Drechsler im Tessin, formt an der Drehbank Vasen, Stifte und andere Kunstgegenstände und gibt seinen Enthusiasmus in Kursen weiter.

DAS IST

Matthias Bachofen, Drechsler

Matthias Bachofen, Drechsler
Ich färbe nicht, um bunte Sachen zu machen, sondern um etwas hervorzuheben, was schon im Holz ist.

Allein das Zusehen ist ein Besuch wert: Wenn Matthias Bachofen, Jahrgang 1964, die Drehbank anwirft und einen unscheinbaren Kanten Holz einspannt, eröffnet sich vor den Augen des Zuschauers ein faszinierendes Spektakel. Die Späne fliegen, die Maschine surrt, das rotierende Holz wird dank optischer Täuschung lebendig: Es tänzelt, schlägt Wellen, wächst und schrumpft gleichzeitig – bis es sich nach nur wenigen Minuten, wenn Bachofen das Drechseleisen wieder sinken lässt, in eine formvollendete Figur verwandelt hat. Ein kleiner Kreisel mit weichen Rundungen, feiner langen Spitze und einer so präzisen Symmetrie, dass er nicht aufhört sich zu drehen.

DIE GANZE GESCHICHTE


Lamone, Lugano

Mit sechs bis acht Drehbänken ist seine Werkstatt auf Lerngruppen ausgerichtet. Sogar ein kleines Multimediastudio mit vier Kameras hat er sich in einer Ecke eingerichtet für die regelmässigen Online-Vorführungen. «Die haben mit Corona angefangen, sollen aber nicht mit Corona aufhören», sagt der Kunsthandwerker. Er ist bestens vernetzt und hat sich international längst einen Namen als Experte auf seinem Gebiet verschafft. 

Bachofen stammt aus Winterthur, lebt seit 1990 im Tessin und war schon immer der einzige diplomierte Drechsler im Tessin. Am Anfang produzierte er hauptsächlich Möbelknöpfe und Tischbeine für Schreiner, die mit Mustern zu ihm kamen. Das war lukrativ, aber unbefriedigend, wie der 57-Jährige im Nachhinein feststellt. Die Zeiten änderten sich jedoch. Die Nachfrage nach den klassischen Produkten ging zurück, Möbelelemente wurden zunehmend industriell hergestellt.  

Lamone, Lugano
Lamone, Lugano

Bachofen begann, verstärkt auf Kunsthandwerk zu setzen. Und traf damit die richtige Entscheidung. «Heute stelle ich erfolgreich schöne Luxusartikel her. Es macht mich glücklich.»

Lamone, Lugano
Pro tip
Aticrea:
Eine Plattform mit über 60 Kunsthandwerkern/Innen, um in die Welt des Kunsthandwerks einzutauchen und bei einem Besuch im Atelier diese Welt mit den Augen des Künstlers zu sehen.
An der Scuola di Scultura in Peccia, Maggiatal, werden Kurse in Stein- und Holzbildhauerei, von kunstvollem Modellieren mit Gips bis zum Zeichnen angeboten. Und das alles mit dem Versprechen eines unvergesslichen Urlaubs in einer märchenhaften Landschaft.
Wussten Sie,
dass der Beruf des Drechslers
vor 3'500 Jahren,
vielleicht sogar
noch früher,
geboren wurde?
Die frühsten Fundstücke
stammen von
den Etruskern.
Lamone, Lugano

Sein Showroom ist an die Werkstatt in Lamone angegliedert. Ein würziger, ätherischer Duft mischt sich dort unter das Holzaroma, denn seine Frau Daniela betreibt im Nebenraum einen Tee- und Gewürzhandel. Wunderschöne Objekte sind im Ausstellungsraum zu sehen, Schalen, Vasen, Dosen, Kerzenständer, glänzend, oft farbig. Er hebe die natürlichen Töne im Holz hervor, erläutert er. Auch edle Goldränder gehören zu seinen Spezialitäten. Die besonderen Musterungen jedoch, die jedes Objekt zum Unikat machen, sind wiederum rein natürlichen Ursprungs. 

Lamone, Lugano

Der Holzexperte macht sich nach eigener Aussage dabei die Launen der Natur zunutze: ein Pilz im Holz oder Verwachsungen. Vielleicht der Stamm einer Eibe, die im Wasser lag. Bei den Gärtnern der Umgebung ist Bachofen für seine Vorlieben bekannt. «Wenn sie ein besonders spezielles Stück Baumstamm haben, bringen sie es mir.» Das Holz stammt aus Gärten, Parks und Wäldern der Umgebung. Esche, Ahorn, Kastanie und Buche, aber auch Erdbeerbaum, Olive oder Calicantus, was gerade so anfällt.

Für Stifte verwende ich nur aussergewöhnliches Holz. Sonst ist es nur ein weiterer Stift.

Jedes Holz hat seinen eigenen Charakter und eigenen Geruch. Zirbe beispielsweise duftet besonders angenehm – und gilt als schlaffördernd. Deshalb stehen bei Bachofen auch Säcke mit Zirbenspänen für Kissenfüllungen bereit. Dann nimmt Bachofen vorsichtig einige Gefässe in die Hand, die als ganze Serie das obere Regalbrett seines Showrooms zieren. In ihnen stecke ein Stück lokale Historie, verrät er. «Sie entstanden aus einer alten Platane, die ihren Platz vor dem Rathaus in Cadempino hatte. 

Lamone, Lugano
Lamone, Lugano

Als ich hörte, dass der Baum wegen Umbauarbeiten gefällt wird, sicherte ich mir das Material.» Nachhaltigkeit ist ihm sehr wichtig.

Lamone, Lugano
Lamone, Lugano

Holz gilt als Werkstoff mit einem ganz besonderen Reiz. Oft gut verfügbar, beispielsweise im eigenen Garten. Bachofen erklärt sich so auch das steigende Interesse an seinen Kursen und Online-Vorführungen. Gerade Personen aus anderen Branchen würden die Arbeit mit diesem naturnahen Material lieben. Das Interesse an der Drechselei als Hobby wachse, sagt Bachofen. Seine Kurse würden fast ausschliesslich von Laien belegt, die einen Ausgleich zum Alltag suchen. Die Kurse in Lamone richten sich sowohl an Anfänger als auch an Fortgeschrittene, Tessiner wie Touristen. Bei Anfragen organisiert Matthias Bachofen auch spontan etwas. Es macht ihm Spass. Und wer sich von seinem Enthusiasmus anstecken lässt, kann mit einer kleinen Investition in eine Drehbank das neue Hobby auch zu Hause fortsetzen. 

«Einen Kreisel macht man am Ende des ersten Kurstages.»

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