Geschichte: Zwei Kletterlehrer hoch über dem Luganersee

In Teamarbeit die Wände hoch

30 Jahre Freundschaft im Fels. Griff um Griff an den Denti della Vecchia, wo die Wände steil und der Fels strukturiert ist. Die grösste Herausforderung? Der Weg nach oben.

Die Denti della Vecchia, zu Deutsch die Zähne der Alten, sind schon seit den 1930er Jahren ein bedeutendes Klettergebiet. Sportkletterer schwören auf diese spektakuläre Kulisse, die zudem Familienwandergebiet und Waldreservat ist. Tierbegegnungen im Fels und grossartiger Ausblick auf den Luganersee inklusive.

Sie sind keine Gipfelstürmer, sagen sie von sich selbst. Als diplomierte Kletterlehrer steht für Claudio Notari und Marco Pagani der Weg im Fokus, nicht das Ziel. Die Herausforderung liegt in der Felswand, die es zu erklimmen gilt. Und zwar allein mit dem, was der Stein bietet: winzige Vorsprünge, Unebenheiten, Einbuchtungen. Gesichert am Seil werden Schwierigkeiten gelöst und Routen bezwungen, über eine oder mehrere Seillängen. Immer in Teamarbeit. Richtige Fans übernachten sogar in der Wand, um am nächsten Tag weiterzuklettern. Ein wunderschönes und traditionelles Klettergebiet im Tessin sind die Denti della Vecchia. Unübersehbar ragen die zackigen Zähne aus Dolomit (Gestein) im Collatal empor. Die Region ist auch Familienwandergebiet mit einem atemberaubenden Panorama auf den Luganersee. Claudio Notari wuchs hier auf, freundete sich im Bergsportverband mit Marco Pagani an. Gemeinsam gehen sie seit 30 Jahren die Wände hoch. 

DIE GANZE GESCHICHTE


Denti della Vecchia

Sind die Denti della Vecchia als Kletterregion so spektakulär wie sie aussehen? 

Marco: «Auf jeden Fall. Die Zone hat zudem historische Bedeutung. Hier wurde schon in den 1930er Jahren geklettert. Die Denti wurden zum beliebten Ziel vieler Alpinisten aus ganz Europa. Heute sind sie weniger besucht, weil es viel mehr Auswahl gibt. Und es dauert etwas länger als an anderen Orten, um das Waldreservat zu erreichen. Ab Cimadera etwa eine Stunde Laufzeit zu den diversen Klettergebieten. Dafür ist es landschaftlich einer der schönsten Orte.» 

Denti della Vecchia

Laut Marco, wer sich auf die Kletterleistung fokussieren will, sucht Plätze, die unmittelbar zu erreichen sind. Auch wenn dort mehr Betrieb herrscht. Bestes Beispiel ist Ponte Brolla, das wohl bekannteste Ziel im Tessin. Aber es gibt auch viele Fans dieser Disziplin, die Ruhe und Natur suchen. Die Denti bieten ausreichend Platz, um sich zu verteilen.  

Bei Claudio fing die Kletterei vor über 30 Jahren mit Bergsteigen an: Er ging oft in die Berge und war mehrere Tage unterwegs mit Übernachtungen in Hütten oder Zelt. Heute hat er weniger Freizeit und widmet sich hauptsächlich dem Sportklettern mit Tagesausflügen. 

Die Denti della Vecchia sind geologisch eine Besonderheit. Klettert es sich anders als im Maggiatal? 

Marco: «Ja, es sind zwei verschiedene Kletterstile. Bei Dolomit sind die Wände vertikaler, der Fels strukturiert, man arbeitet viel mit den Armen, braucht mehr Kraft. Bei Gneis oder Granit ist mehr Technik der Füsse gefragt. Wer Gneis gewohnt ist, hat erst einmal Schwierigkeiten, sich auf Dolomit umzustellen, und andersherum. Mir persönlich liegt der Gneis mehr.»

Denti della Vecchia
Denti della Vecchia

Claudio: «Ich mag beides! Im Tessin gibt es allerdings vorwiegend Gneis oder Granit.»

Denti della Vecchia
Es ist sehr wichtig, die Fauna zu respektieren.

Wer das Tessin zum Klettern besucht, geht zu 95 Prozent in einen so genannten Klettergarten. Das sind präparierte Zonen mit Kletterrouten verschiedener Schwierigkeitsgrade. Der Kletterer profitiert von den bereits existierenden Haken zur Zwischensicherung. Doch wer schon alles ausprobiert hat, sucht neue Herausforderungen.  Wir haben im Tessin das Glück, dass es sehr viel Fels gibt. Es lassen sich immer noch neue Gebiete erschliessen. Doch wir sollten es nicht übertreiben und nachfolgenden Generationen noch Raum zum Entdecken lassen. 

Denti della Vecchia
Denti della Vecchia

Zudem sind wir nicht die einzigen Lebewesen in der Wand. 

Denti della Vecchia
Denti della Vecchia

Wem begegnet ihr denn dort? 

Marco: «Oh, dort wohnen Adler und andere Vögel, Siebenschläfer, Fledermäuse, Schlangen. Es ist ihr Territorium, das wir betreten. Ich habe auch schon wegen eines Schwalbennestes eine Tour unterbrochen. Zu sehen, wie die Vögel ihre Jungen beschützten, war ein beeindruckendes Erlebnis.» 

Claudio: «Es ist sehr wichtig, Schutzgebiete und Nistzeiten zu respektieren. Hinweise dazu finden sich in den Kletterführern. Es gibt Zonen, die werden zu bestimmten Jahreszeiten zum Schutz der Tiere gesperrt.» 

Pro tip
Das Evolution Center in Taverne bietet, mit über 120 Routen und 100 Boulder mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden, ideale Bedingungen zum Klettern. Bouldern, eine dem Klettern ähnliche Aktivität, ist auch indoor möglich.
Das Waldreservat Denti della Vecchia ist eines der spektakulärsten des Tessins und ein Hotspot der Biodiversität. Hier wachsen seltene Pflanzen, die zum Teil vom Aussterben bedroht und daher geschützt sind.
Wer eine ungewöhnliche Szenerie sucht, kommt an Staudämmen auf seine Kosten. Luzzone bietet für erfahrene Sportler die längste künstliche Route der Welt. Am Sambuco gibt es 5 mittelschwere Routen.

In der Halle bleiben Naturerlebnisse aus. Beginnt eine Kletterkarriere trotzdem immer an der künstlichen Wand? 

Claudio: «Nicht unbedingt. Wir haben Kunden, die nur nach draussen wollen. Auch Anfänger. Das ist möglich, es gibt ideale Orte beispielsweise im Maggiatal. Effizienter ist es aber in der Halle.»  

Denti della Vecchia
Denti della Vecchia

Marco: «Bei Kursen in der Halle können alle Teilnehmer nebeneinander am selben Niveau üben. Eine echte Felswand ist natürlich unregelmässig. Die Routen mit demselben Schwierigkeitsgrad liegen auch mal weit auseinander.» 

Denti della Vecchia
Denti della Vecchia

In der Halle wirkt alles so sicher. Der Schritt nach draussen ist für Anfänger eine grosse Umstellung. Sie blicken auf den Fels – und sehen nichts! Der Aufstieg scheint unmöglich. Doch das täuscht. Der Stein bietet immer einen Halt. Mit der richtigen Sicherung ist es draussen nicht gefährlicher als in der Halle.  

«Der Stein bietet immer einen Halt.» 

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