Geschichte: Picknick am Piumogna-Wasserfall

Sprudelnde Kindheitserinnerungen am Wasserfall

Ein Nachmittag in einer Oase der Leventina

Wenn es um den besten Platz für ein Picknick mit der Familie in Faido geht, ist das zweifelsohne der Piumognawasserfall. In diesem Rahmen der Natur fühlt man sich einfach wohl, der Wasserfall erfrischt die Luft und die Geschichte des Leventinatales ist gegenwärtig: Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war dieses Fleckchen ein beliebtes Ziel für Touristen, aber was hat die Seide eigentlich damit zu tun?

DAS IST

Omar Bariffi, Papa und Wasserfallkenner

Omar Bariffi, Papa und Wasserfallkenner
Schnell, ein Foto! Jetzt scheint das Wasser gerade türkis zu sein!

Man braucht noch nicht mal auszusteigen, schon vom Auto aus ist es zu erkennen: Genau hier ist der richtige Ort, um den Picknickkorb auszupacken. Dieser Wasserfall zieht magisch an, unter den Sonnenstrahlen funkelt er in allen Farben. Schnell, ein Foto! Jetzt scheint das Wasser gerade türkis zu sein! Omar ist schon am Drücker, dieser Moment entgeht ihm nicht, klick!

Heute begleitet er seine Frau, ihre Freundin und die Kinder auf diesen Ausflug ins Grüne. Der Jüngste unter ihnen ist erst wenige Monate alt, aber auch er ist schon wie hypnotisiert vom Piumogna-Sprudel und macht grosse Augen vor dem energischen Wasserlauf.

Dieser Ort ist einfach herrlich und wie gemacht für einen entspannten Tag mit der Familie: in grün gebettet, einfach zu erreichen und so überraschend vielseitig. Von Faido aus braucht man nur den Schildern zu folgen, gleich am Wasserfall ist ein grosser Parkplatz und zur Freude der Kinder, ein abenteuerlicher Spielplatz. Hier sind Ausflügler am richtigen Ort!

Auf dem Rasen, im Schatten eines der vielen Bäume breiten Omar und seine Frau die Picknickdecke aus. Kinder und Korb drauf und jetzt nur noch zugreifen. Der Kleinste war der schnellste und hat schon einen Pfirsich in der Hand.

So nah am Wasser spürt man die Frische des Wasserfalls auf den Wangen, er lässt sich auch hören, der Wald duftet nach Rinde und Harz, die Vögel zwitschern, die Kinder brabbeln, aber hier liegt noch mehr in der Luft, was kann das nur sein? 

Ist das Geschichte? Bestimmt, denn gerade dieser Wasserfall hatte für das Leventinatal immer schon grosse Bedeutung. Bis zum 16. Jahrhundert gab es vor allem Legenden um dieses Gewässer, anschliessend nutzte man seine Kraft für Mühlen, Schmieden und Sägewerke und 1889 wurde schliesslich in unmittelbarer Nähe das erste Kraftwerk des Kantons Tessin gebaut. Faido war damals ein wichtiges Urlaubsziel, fast gleich bekannt wie Lugano und Locarno.

Da es an der Gotthardstrecke lag und per Zug so bequem erreichbar, war es vor allem der Mailänder Adel, welcher Erholung in den Bergen suchte und sich aber die gleichen Annehmlichkeiten wie in der Stadt erwartete. Elektrizität war somit unabdingbar.

Im Sommer 1907 wurde in Faido sogar ein Kino eröffnet.

Faido war die erste Tessiner Gemeinde, welche das elektrische Licht einsetzte.

Es ist kein Film, was Omar hier erzählt, inmitten dieser grünen Oase und mit seinem Sohn im Arm, sondern Wirklichkeit.

Er liebt diesen Ort und kennt viele Details, die anderen verborgen bleiben.

«Siehst du diesen Baum dort, neben dem Spielplatz, der diese Beeren an den Ästen hat? Das sind Maulbeeren,» sagt er triumphierend. Ja, und?

«Die stammen noch aus der Zeit als hier die begehrten Seidenraupen gezüchtet wurden!»

«Die Blätter dieser Bäume wurden als Nahrung für die Raupen verwendet, die dann den wertvollen Kokon spannen. Im Sottoceneri und am Comer See wurde dies dann zu Seide verarbeitet.»

Wer hätte das gedacht.

 

 

 

 

Aber Omar weiss noch mehr und grinst: «Und dort, das sind Nussbäume. Lecker, der Nusslikör, den die Mönche hier machen!»

Omar hat bald mehr Anekdoten zu erzählen, als die Ausstellung in der Sägemühle oder der Lehrpfad gleich daneben preisgeben kann.

Pro tip
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Seidenraupenzucht die wichtigste Wirtschaftstätigkeit. In Faido gab es ca. 2'000 Maulbeerbäume, die Seidenraupen waren von erstklassiger Qualität und Händler kamen für ihren Erwerb sogar aus Como und Luino.
In der alten Sägemühle neben dem Wasserfall wurde ein Klassenraum eingerichtet, wo Schulkinder und Gruppen untergebracht werden können. Didaktische Ausstellungen werden organisiert.
Laut einer Legende gab es im Piumognatal eine Gruppe von Zwergen, die das friedliche Leben störten. Im 16. Jahrhundert, dank San Carlo Borromeo, wurden die Einwohner von ihnen erlöst. Er liess sie unter dem Wasserfall ertränken und es kehrte wieder Ruhe ein.

Eins noch. Die kleine Burg, gleich beim Spielplatz, ist heute ein Veranstaltungsraum und eine Erfrischungsbar.

«Das Castelletto hatte von Anfang an zwei getrennte Eingänge. Damit die Vertreter der verschiedenen politischen Parteien separat eintreten konnten, ohne sich begegnen zu müssen.»

Ja, ja, der Ernst des Dorflebens.

«Und dort, das sind Nussbäume. Lecker, der Nusslikör, den die Mönche hier machen!»

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