Geschichte: 130 Jahre alt und kein bisschen müde

Wo die Schafe das Wetter vorhersagen

Die Gleise, die ratternden Waggons, die Fragen der Touristen und die Begeisterung der Kinder: Der Aufstieg zum Monte Generoso ist ein einzigartiges Erlebnis.

Ein 1’704 Meter hoher Berg mit Alpwirtschaften, Wanderwegen, einer berühmten Steinblume und einer 130 Jahre alten Eisenbahn, welche die älteste, in Betrieb befindliche Dampflok der Schweiz vorweisen kann. Der Monte Generoso ist das Wahrzeichen des Südtessins und reich an Geschichte und Ereignissen. Eine Entdeckungsreise.

DAS IST

Egidio Maglio, Betriebsleiter der Monte Generoso-Bahn seit fast 40 Jahren

Egidio Maglio, Betriebsleiter der Monte Generoso-Bahn seit fast 40 Jahren
Die Dampflok ist wie der Kaffee: Schon morgens erkennt man, ob es ein guter Tag wird – oder nicht – und zwar am aufsteigenden Dampf.

Vergesst Dampf, Diesel oder Elektrizität. Leidenschaft ist das Benzin, mit dem Egidio Maglio über 40 Jahre lang die Züge antrieb, die täglich von Capolago auf den Gipfel des Generoso fuhren. Das wird im Gespräch deutlich. «Wir waren wie eine grosse Familie und ich war mit der Bahn verheiratet.»

Sobald er seinen Erinnerungen freien Lauf lässt, leuchten seine Augen. Er erzählt dann von den Zügen, die für diese Linie des Jahres 1890 entworfen wurden, erläutert den «Sattdampf», spricht von Veränderungen an Waggons, die in den Werkstätten am Seeufer vorgenommen wurden und schwärmt von dem guten Teamgeist.

«Ich war morgens der erste, der kam, und abends der letzte, der ging. Auch heute noch trinke ich jeden Morgen in Capolago einen Kaffee und begrüsse die ehemaligen Kollegen.»

Egal, ob man mit der orange-blauen Elektrobahn unterwegs ist oder mit der Dampflok Baujahr 1890, (immer noch in Betrieb – ein Unikum in der Schweiz), die Fahrt auf den Monte Generoso ist eine einzigartige Erfahrung. Wer könnte das besser wissen als Egidio Maglio, der über 36 Jahre lang die Zahnradbahn gebaut, repariert und gesteuert hat.

Eigentlich ging Egidio längst in Pension. Doch es ist zu seinem Hobby geworden, die Dampflok bei ihren gelegentlichen Einsätzen zu fahren.

Dieser Berg erlebte die Anfänge des Tourismus der Region mit, als die Engländer zur europäischen Grand Tour kamen und die Italiener der adligen sowie herrschenden Schichten anreisten.

Einmal war der Zug entgleist. Also sind alle ausgestiegen und haben gemeinsam den Waggon hochgehoben und ins Gleis gesetzt.

Heute zahlreiche Wanderwege geben die Möglichkeit, Mendrisio und Castel San Pietro kennenzulernen oder führen durch das Muggiotal am Fusse des Monte Generoso, das für seine lebendigen Traditionen bekannt ist. Zudem lässt sich von Rovio aus auch der südlichste Alpinwanderweg der Schweiz bestreiten. Nicht zu vergessen die Gastronomie.

Kulinarisch unbedingt zu empfehlen: das Ossobuco von Piera di Scudellate oder die Formaggini von Marisa knapp unter dem Gipfel. «Auf dem Gipfel habe ich tolle Menschen kennengelernt und mich immer wohl gefühlt.»

Ein Zug ist ein Ort, an dem sich Menschen kennenlernen. Egidio erging es nicht anders. «Einmal bin ich mit einem Rad entgleist und der Zug bewegte sich nicht vor und zurück. Also bat ich die Passagiere auszusteigen und dabei zu helfen, den Waggon wieder ins Gleis zu setzen. Der Wagen war relativ leicht - und wir waren eine grosse Gruppe. Damals habe ich es als ein kurioses Erlebnis empfunden.»

Pro tip
Ab November 2019 werden mehr als 13’500 Schwellen und mehr als 17 Kilometer Schienen und Zahnräder ausgetauscht, insgesamt fast 19’000 Zentner Stahl.
54 km Luftlinie ist die Distanz zur goldenen Madonnenstatue des Mailänder Doms, die man vom Gipfel des Generoso aus glänzen sehen kann.
Ein Sprung in die Belle Époque. Während des Sommers werden historische Fahrten mit der Dampflok von 1890 angeboten.

Ich erinnere mich, dass einmal ein im Tessin sehr bekannter Meteorologe im Zug sass. Der Tag war schön und sonnig, er begleitete eine Schulgruppe und wollte am darauffolgenden Tag Gleitschirm fliegen. Als wir hochfuhren, teilte ich ihm mit, dass es Regen geben würde. Er glaubte mir nicht.

Am nächsten Tag war tatsächlich schlechtes Wetter und er fragte mich erstaunt, woher ich das wissen konnte. «Dank der Schafe» Schafe? «Wenn sie im Tunnel Schutz suchen, bedeutet es, dass es am nächsten Tag regnen wird.»

Knapp unter dem Gipfel des Monte Generoso entstand 2017 die Steinblume. Die achteckige Pflanze hat 8 Blütenblätter, die einen zentralen Raum umschliessen.

Die Anordnung der einzelnen Bauelemente lässt eine Gruppe von fünfgeschossigen Türmen entstehen, unten mit einer leichten Auskragung, die sich nach oben hin wieder schliesst. Einer Steinblume.
 

«Wenn die Schafe im Tunnel stehen, gibt es Regen.»

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Der Monte Generoso ist vielen Menschen ans Herz gewachsen.

Den Einwohnern von Mendrisio («Momò» genannt) und der Region sowie den vielen Touristen, die den Berg auf unzähligen Fotos festhielten. Und natürlich Egidio. Nicht nur, weil es sein Arbeitsort war. Am Monte Generoso lernte er auch seine Frau kennen, der Berg ist Teil seiner Familie.

«Meine Enkel lieben den Monte Generoso. Sie sind zwar nicht ganz so verrückt nach Zügen, aber sie bauen gerne, wenn sie spielen. Ich bin da zuversichtlich», sagt Egidio und lacht.

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