Geschichte: Der Wilhelm Tell aus Magadino

Kleine Bogenschützen entdecken die Natur

Ein Abenteuer in der Natur für die ganze Familie, bei dem garantiert keine Langeweile aufkommt. Ob im Schilfgebiet eines wertvollen Ökosystems oder mit Bogen im Wald: Das Tessin ist ein Paradies für K...

Ein Waldweg, eine Lichtung und 60 täuschend echte Tiere. Beste Voraussetzungen, um einem Schweizer Helden nachzueifern. Doch es gibt auch ein Holzboot zum Erkunden eines seit 1974 geschützten Naturreservats. Ein Paradies für Vögel und Naturliebhaber. Das Gambarogno hält immer neue Überraschungen parat.

DAS IST

Marco Nussbaum, Bogenschütze, Grafikdesigner, Snowboarder, Segler und Künstler

Marco Nussbaum, Bogenschütze, Grafikdesigner, Snowboarder, Segler und Künstler
In einem Jahr habe ich mehr als 20’000 Pfeile abgeschossen, um im Training zu bleiben.

Gämse, Hirsche, Murmeltiere, eine Eule, sogar eine Boa und ein Dodo! Wer durch das Tor am Dügn tritt, dem bleibt erst einmal die Sprache weg. Mitten in der Natur, verteilt auf einem Bogenparcours von 20’000 Quadratmeter, stehen lauter Tiere auf der Wiese, die aussehen, als wären sie echt. «Wenn wir gleich aufs Baumhaus klettern, seht ihr, wie viele Figuren es noch weiter unterhalb gibt.»

Als erstes fallen bei Marco Nussbaum die wachen Augen auf. Dazu Hawaiihemd, ehrliches Lächeln und die gebräunte Haut von jemanden, der seinen Sommer auf dem Wasser und den Winter im Schnee verbringt. Marco hat viel zu erzählen. Ein Nachmittag reicht dafür nicht aus.

Wir müssen schliesslich bergauf nach Piazzogna laufen. Ein einfacher Wanderweg mit Panorama-Aussicht bringt uns innerhalb von zehn Minuten ins grosse Abenteuer. Die Kinder sind schon gespannt und hängen mit dem Blick an Pfeil und Köcher auf den Schultern Marcos. Sie können es kaum erwarten, den ersten Pfeil abzuschiessen.

Marco kennt das. Er hat schon vielen Kindern – und Erwachsenen – das Bogenschiessen beigebracht und freut sich über deren Enthusiasmus. Auch seine Begeisterung wirkt ansteckend. Mit jeder Geschichte, die er während des Aufstiegs nach Dügn erzählt, beweist er seine Liebe zur Umgebung, zu den Bergen, zum See und den Weinbergen – seine Heimat.

Marco Nussbaum wurde in Locarno geboren, wuchs in San Nazzaro auf. Sein deut-scher Nachname stammt vom Grossvater, der 1880 ins Tessin kam, um an der Eisenbahnverbindung Bellinzona-Luino mitzubauen. Der Opa verliebte sich erst ins Tessin, dann in die Nonna.

Auch Marco fand seine grosse Leidenschaft, und zwar im Jahr 2007 bei der Weinlese in Coldrerio. Als er Studienkollegen seiner Frau bei der Ernte half, begegnete er einem Bogenschützen. «Nach dem Mittagessen habe ich mit Pietro, meinem späteren Bogenschiess-Lehrer, ein paar Pfeile abgeschossen - und nie wieder damit aufgehört.»

Wie verzaubert sei er gewesen. War es auch die Sonne des Mendrisiotto und des Merlots?

Ziel ist es, das Tier gleich mit dem ersten Pfeil zu erwischen, wie bei der Jagd.

Nun ist es Marco selbst, der seine Schüler auf der Lichtung in den Bann zieht. «Hört ihr das Rascheln der Blätter und das Knacken der Zweige unter euren Füssen? Der Kopf wird ganz frei von Gedanken.» Das Bogenschiessen ist ein atavistischer Sport, der den Menschen mit der Natur neu verbindet. 

«Einatmen, ausatmen. Dabei den Bogen spannen, mit dem nächsten Atemzug die Sehne loslassen und den Pfeil abschiessen. Es ist befreiend.»

Pro tip
Eine Besichtigung der Bolle di Magadino auf dem Boot von Marco Nussbaum ist im Juli und August möglich, jeweils Dienstag-, Donnerstag- und Samstagvormittag. Die Tour ist kostenlos, aber es Bedarf einer Reservierung mit langer Vorlaufzeit.
Wussten Sie, dass 2016 ein Tretboot ein 195 Tonnen schweres Boot der Società Navigazione Lago di Lugano für 600 Meter schleppte?
Die Bolle di Magadino sind eine einzigartige und überraschende Naturlandschaft. Auf nur 600 Hektar leben Fische, Pflanzen, Insekten und rund 300 Vogelarten.

Marco ist nicht nur leidenschaftlicher Bogenschütze, sondern generell vielseitig interessiert: Er studierte Grafik, lernte Jonglieren, wirkte bei der Dimitri Schule mit und begleitete den berühmten Clown 1977 auf Europatournee. «Das war eine tolle Erfahrung. Von Dimitri habe ich viel gelernt.» 

Von der Kunst zum Sport: Schon immer begeisterte er sich für Skiakrobatik und er gibt Unterricht bis heute im Winter. Er gehörte zu den ersten, die einen Salto mortale rückwärts wagten.

«Durchgestreckter Arm – ein grosser Fehler bei Bogenschützen.»

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Das ist noch nicht alles: er ist Experte für die Bolle di Magadino. Denn seit 15 Jahren lädt Marco im Sommer zu kostenlosen Bootstouren ins Naturschutzgebiet ein. Er will die Menschen für die Schönheit dieses Ökosystems begeistern und sensibilisieren.

Auf dem Holzboot fühlt es sich an wie in einer Gondel, die zwischen Schilf und Fischen herumtreibt. Vögel können hier in Ruhe nisten. Während Marco erzählt, scheint sich die Zeit aufzulösen.

Die Kinder freuen sich über die Schwäne und Blässhühner, beobachten den Ohrentaucher mit der Federkrone und dem stolzen Blick, der jedes Jahr sein Nest an derselben Stelle baut.

Wieder an Land können es die Kinder kaum fassen: Haben wir wirklich an einem einzigen Nachmittag so viel erlebt? Pfeil und Bogen, die Tierattrappen im Wald und die echten Tiere in den Bolle di Magadino, der Bootsausflug und Lebenskünstler Marco. Die Kleinen werden noch lange Zeit von dem Ausflug zum Lago Maggiore sprechen.

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