Geschichte: Die Craft Bier-Szene im Tessin

Eine Leidenschaft, die in der Region brodelt.

Vom Mendrisiotto bis in die nördlichen Täler des Alto Ticino, über Muggiotal, Onsernonetal und Malcantone, gilt: Die Tessiner trinken nicht nur gerne Bier, sie stellen es auch selbst her. Rund 30 Brauereien verteilen sich über den Kanton. Jährlich werden Hunderttausende Liter produziert.

Craft-Bier, also handwerklich hergestelltes Bier kleiner Brauereien, wird weltweit immer beliebter und zum Trend. Im Tessin gibt es die diversen Sorten, wie bionda, ambrata, rossa und scura, sogar schon seit zwei Jahrhunderten. So erhielt Felice Lombardi aus Airolo im Jahr 1828 die Konzession zur Herstellung von Bier. Nachfolgend entstanden im ganzen Tessin, vor allem im Mendrisiotto, weitere Brauereien. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts übernahmen vor allem nationale und internationale Konzerne den Markt. Doch mit den 1990er Jahren kam die Leidenschaft für das eigene Bier zurück ins Tessin. Seitdem nimmt der Trend der kleinen Brauereien, auch Mini-Brauereien, weiter zu.

DAS IST

Eric Notari, Braumeister von Officina della Birra

Eric Notari, Braumeister von Officina della Birra
Neue Sorten herauszubringen ist zwar wichtig, aber übertreib nicht: Als ich 2001 mein erstes IPA herausgab, wurde ich schief angeschaut.

Wir sind im Malcantone. Eric Notari der Officina della Birra in Bioggio, Sie haben in den 1990er Jahren das erste Brauhaus eröffnet und damit den Sektor der lokalen Biere neu belebt.

Das stimmt. Das war 1999 hier in Bioggio. Anfangs produzierte ich Bier, das ich in meinem Restaurant ausschenkte. Ich galt ein wenig als verrückt: Wir waren mit dem Trend im Tessin der Zeit voraus und die Leute verstanden es nicht so richtig. Doch dann kamen immer mehr Gäste auf den Geschmack. Heute produzieren wir rund 200'000 Liter.
 

Beruflich waren Sie eigentlich in einer anderen Branche tätig und das Bier war anfangs ein Hobby, oder?

Allerdings. Ich war in der Elektrizitätsbranche tätig und kümmerte mich um Klimaanlagen. Doch die Lust, mich intensiv mit Bier zu befassen, war schon immer da. Das Thema fesselte mich. Ich erinnere mich an das Amber-Bier Lugano, das mein Grossvater trank. Damals versuchte ich, mich durch Gespräche und Bücher dieser Welt anzunähern. Es gab ja noch kein Internet, das war schwieriger. Ich besuchte alle kleinen historischen Brauereien der Schweiz. In München im Jahr 1994 war es dann um mich geschehen. Ich wagte den Schritt in eine neue Branche.

Im Bioggio gibt es sieben Sorten Flaschenbiere konstant im Sortiment. Dann gibt es saisonale Biere, zu Weihnachten oder mit Bergamotte oder Kastanie, ausserdem das Sauerbier, sozusagen in Barrique, das in kleinen Mengen herstellt wird.

Neue Sorten herauszubringen ist zwar wichtig, doch die Geschmacksnerven der Konsumenten dürfen nicht überfordert werden. Zumal nicht alle Sorten sofort ankommen.

Mal beschreiben die Namen das Bier, mal hat es mit einer wichtigen Erinnerung oder einem besonderen Ereignis zu tun.

Beim «99» ist es einfach: Es war das erste, selbst produzierte Bier. «La Valona» erhielt den Namen, weil es mit Farina Bona des Onsernonetals gebraut wird und die Anwohner ihr Tal so nennen. «Lisbeth» wiederum ist die Protagonistin in den Büchern von Stieg Larsson. Sie hinterliess Eindruck bei Eric. Beim «Kremlin» handelt es sich um ein Imperial Russian Stout, was namentlich erkennbar sein sollte. Das «Mithra» wurde nach der Gottheit der Freundschaft benannt, da es vom Sohn von Eric gemeinsam mit einem in Berlin arbeitenden Freund kreiert wurde.

Ich galt ein wenig als verrückt: Die Leute haben es nicht verstanden, wir waren dem Zeitplan im Tessin ein wenig voraus.
Pro tip
Indian Pale Ale: ist ein hopfiges Bier, das erfunden wurde, als die Briten ihre Kolonien in Indien erreichen mussten. Zur besseren Konservierung wurde Hopfen hinzugefügt.
Die beiden grössten Bier-Produzenten im Tessin sind die Officina della Birra und die Brauerei San Martino. Ihre Produkte sind in Fachgeschäften, Supermärkten und direkt beim Hersteller erhältlich.
In den Kellern der alten Brauerei von Bellinzona veredelt die Officina della Birra einige ihrer Rezepte wie Mericana, Castrum Magnum und Bolschoi Kremlin in Eichenfässern.

Hier werden auch personalisierte Biere produziert, wie jenes für Il Fermento in Mendrisio. Es wird «Lola» genannt, zu Ehren der ehemaligen Inhaberin des historischen Lokals, an dem sich heute die neue Bar befindet.

Il Fermento

Von den Namen zu den Symbolen: Das Logo der Officina della Birra ist ein Zahnradgetriebe und steht für die Bierproduktion. Nebenbei erinnert es auch an englische Motorräder der 60er Jahre, eine Leidenschaft von Eric.

«Lisbeth wiederum ist die Protagonistin in den Büchern von Stieg Larsson. Sie hinterliess Eindruck bei mir und ich widmete ihr ein Bier.»

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