Geschichte: Auf leisen Sohlen Steinpfaden entlang

Das Tal der Resilienz

Im Bavonatal, einem Seitental des Maggiatals, treffen eindrucksvolle Natur und lebendige Geschichte aufeinander. Seine zwölf Weiler zeigen die Kraft der Menschen im Umgang mit der Wildnis.

In eine Landschaft von besonderer Schönheit eingebettet, ist das Bavonatal - ein Seitental der Vallemaggia - heute lebendiger denn je und zugleich ein wertvolles Zeugnis der einstigen ländlichen Kultur. Seine zwölf Siedlungen, zwischen Felsen und Vegetation gelegen, spiegeln die Kraft der Menschen wider, die den Herausforderungen der Natur zu begegnen wussten.

DAS IST

Rachele Gadea Martini, Direktorin der Fondazione Valle Bavona

Rachele Gadea Martini, Direktorin der Fondazione Valle Bavona
Ich schätze vieles an diesem Tal: den frühen Morgen, die Stille und den Nebel in der Talsohle.

DIE GANZE GESCHICHTE


«Die steilsten Berge der Welt»: So beschreibt der Schriftsteller Plinio Martini die abschüssigste und steinigste Landschaft im Alpenraum. Das Bild passt: Am Taleingang sind Felswände und jahrhundertealte Felsblöcke allgegenwärtig, doch das hat die Menschen nicht davon abgehalten, sich hier niederzulassen. Im Gegenteil: Sie passten sich geschickt der Umwelt an, indem sie die wenige fruchtbare Erde in der Talsohle urbar machten. Sie bauten unter und zwischen den Felsen und schufen steile Wege, die auf die Alpen führten. Für jene, die hier aufgewachsen sind, ist das Tal Herzensort und Heimat. So auch für die Biologin Rachele Gadea Martini, Direktorin der Stiftung Fondazione Valle Bavona. Mit den Aktivitäten und Initiativen der Organisation möchte sie das weitläufige, vielfältige Tal aufwerten und vor allem erhalten. Die sogenannten Splüi – Unterfelsbauten – zählen zu Recht zum aussergewöhnlichen landwirtschaftlichen, kulturellen und ökologischen Erbe der Region.

Bavonatal: Wandern auf gepflegten Wegen zwischen Geschichte und Landschaft

Um das Wesen des Bavonatals wirklich zu erfassen, lohnt es sich, dem Weg der Transhumanz zu folgen. Von Cavergno nach San Carlo, vorbei an Foroglio und durch das Calnegiatal, führt der Pfad durch Wälder, Weiden und Steindörfer. Unterwegs erzählen die Unterfelsbauten vom Leben jener Menschen, die einst dem Rhythmus der Natur folgten, mit ihrem Vieh unterwegs waren und nur das Nötigste mit sich nahmen.

Das Bavonatal ist absolut sehenswert. Am besten entdeckt man es zu Fuss.
Splüi im Bavonatal – ein Beispiel für das Zusammenleben von Mensch und Natur

Im Bavonatal sind über vierhundert Splüi erfasst – eine Folge der vielen Felsblöcke und des erfinderischen Umgangs der Menschen mit dem knappen Raum. Die grossen Steine wurden zu Kellern, Viehställen, einfachen Wohnräumen oder Arbeitsplätzen umfunktioniert. Die Formen reichen von Hohlräumen unter Felsbrocken bis zu Bauten, die den Stein als Dach nutzen oder sich an ihn anlehnen. Weil kultivierbarer Boden rar war, wurde jeder Zentimeter verwendet, sogar auf den Felsblöcken selbst.

Folgt man dem eindrücklichen Wasserfall von Foroglio, gelangt man ins märchenhafte Calnegiatal. Bei Puntìd, nach der Bogenbrücke und einem kleinen Weiler, steht die bekannteste Unterfelskonstruktion: die Splüia Bèla. Unter einer langen Felsplatte, die auf einem kleineren Block ruht, entstanden zwei durch einen schmalen Gang verbundene Räume – Wohn- und Arbeitsbereich auf der einen Seite, Viehstall auf der anderen.

Der Weiler Puntìd in der wilden Natur des Val Calnègia
Steinbrücke in Puntìd, Val Calnègia – Bavonatal

Diese Anordnung ermöglichte es, die Tiere im Schutz des Felses zu versorgen.

Val Calnègia, Valle Bavona
Wandern im Bavonatal mit Blick auf den Wasserfall von Foroglio
Pro tip
Im Dorf Foroglio, am Fuss seines ikonischen Wasserfalls, steht eine Schaukel von Swing the World.
Die ersten Zeugnisse menschlicher Präsenz im Tal reichen etwa 5’000 Jahre zurück.
Von San Carlo aus gelangt man mit der Seilbahn in das Gebiet von Robièi, am Fuss des Basòdino-Gletschers.

Beim Wandern im Bavonatal erhält man einen Eindruck eines bäuerlichen Lebens, das heute kaum noch existiert. Landschaften, Bauten, gepflegte Wiesen und historische Wege sind erhalten dank des umsichtigen Engagements der Landbesitzerinnen und Landbesitzer sowie der lokalen Bevölkerung.

Splüi unter einem gewaltigen Felsblock im Bavonatal
Transhumanz-Weg durch Trockenmauern und alpine Weiler

Der Erhalt dieser Idylle ist eine gemeinsame Anstrengung – ein fragiles Gleichgewicht, das stark berührt.

Karte des historischen Weilers Sabbione im Bavonatal

«Ich bin eng verbunden mit dem Bavonatal und seinem einfachen Leben.»

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Leben im Einklang mit der Natur im Bavonatal

Als Kind verbrachte Rachele den Sommer in einem der zwölf Weiler bei ihrer Grossmutter. Sie denkt gerne zurück an den fehlenden Strom, das bescheidene Haus und vor allem das weite Panorama. Ein einfaches Leben, geprägt von Stille und dem Klang der Natur, das wie einst darauf wartet, auf leisen Sohlen entdeckt zu werden – mit Respekt und Dankbarkeit.

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