Geschichte: Quer durch eine grossartige Szenerie

113 km pure Ausdauer

Es ist ein Wettkampf gegen sich selbst: Nicht der Sieg steht im Vordergrund, sondern das Ziel. Durchhalten bis zum Schluss und dabei Herz öffnen für die wunderschöne Landschaft.

Spektakuläre Wanderwege, Architektur, Kultur, Wein, Honig und Oliven: Capriasca liegt nur wenige Kilometer vom Luganersee entfernt und gilt als Oase der Ruhe. Doch es geht auch anders: Im Juni wird die Region zum Mittelpunkt der Welt für Fans des Trailrunnings.

DAS IST

Clarissa und Lorenzo Orsi, B&B Cà San Matteo

Clarissa und Lorenzo Orsi, B&B Cà San Matteo
Alles begann mit einem Keller: mein Vater stellte dort köstlichen Wein her und wir errichteten darüber das B&B.

Wer einmal dabei war, vergisst dieses Erlebnis nie. Ausgangspunkt ist Tesserete, wo sich das Val Colla und die Capriasca, ein Landstrich nahe Lugano, vereinen. Dort treffen wir auf Clarissa und Lorenzo Orsi. Die Uhren ticken hier langsamer. Doch der Besucher spürt sofort diese ganz besondere Energie. Irgendetwas ist anders an diesem Ort.

Vielleicht liegt es an den Kirchen mit fast monumentalen Ausmassen, vielleicht ist es auch die Ruhe der Natur und der kleinen Dörfer, dazu die Berggipfel, die auf einen herabblicken. Es ist aber nicht allein diese Aura, die Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Sie kommen für den Scenic Trail: Ein Lauf von 18, 27, 54 oder 113 km quer durch das Gebirge, der jedes Jahr im Juni stattfindet und schon jetzt zur Legende geworden ist.

Sein Einfluss ist ganzjährig in der Region zu spüren.

Lorenzo, wieso nehmen Sie am Scenic Trail teil?

«Ich bin der klassische Sonntagsläufer. Jemand, der mit 40 Jahren Freizeit übrig hatte und beschloss, es auszuprobieren. Ich kaufte mir ein Buch «Laufen lernen» und fing an. Im Jahr 2013 wurde der Scenic Trail zum ersten Mal ausgerichtet und ich nahm teil. Ich lief 50 km durch atemberaubendes Panorama und lernte mich selbst besser kennen. In den darauffolgenden Jahren wagte ich erneut die Heraus-forderung - aber diesmal die Hardcore-Version.»

An den Verpflegungspunkten kann man Brühe, Gummibärchen oder sogar Polenta essen.

Im ersten Jahr waren es 170 Teilnehmer, inzwischen sind es 2’500: Was ist passiert?

«Der Scenic Trail ist zu einem der wichtigsten Wettkämpfe dieser Disziplin geworden, quasi legendär. In den Jahr-en 2015, ’16 und ’17 erhielt er den Swiss Ultra Award als bester Trailrunning-Event der Schweiz. Der Lauf führt quasi immer über Bergkämme. Die Atmosphäre unter den Teilnehmern ist sehr sozial, jeder hilft jedem. Es gibt einige Profi-Läufer, aber auch viele Leute, die einfach ihre eigenen Kräfte testen wollen.»

Training ist wichtig, klar. Aber vor allem braucht es Überzeugung. Ich trainiere zweimal die Woche und mache einen längeren Lauf am Wochenende. Während des Wettkampfs ist es fundamental, die Kräfte einzuteilen. Körperliche Fitness ist Voraussetzung, aber die wirkliche Kraft muss aus dem Kopf kommen: Einen solchen Lauf vollendet nur, wer seine Emotionen und die Müdigkeit im Griff hat.

Der Lauf beginnt Freitag um Mitternacht, das Ziel wird zwischen Samstag und Sonntag erreicht. Der Rekord liegt bei 15 h und 44 min, das Maximum bei 32 Stunden.

Kommen wir zum Alltag: Clarissa, indirekt hat der Trail auch die Gründung des B&B Cà San Matteo bewirkt. Wie fing alles an?

«Wir hatten schon lange diesen Traum. Ich habe an der Hotelfachschule in Lausanne studiert und dann Berufserfahrung in der Schweiz und im Ausland gesammelt. Lorenzo und ich sind viel gereist und haben uns überall inspirieren lassen. Als die Kinder grösser wurden, entschlossen wir uns, das B&B zu bauen. Lorenzo entwarf ein Projekt basierend auf einem vorhandenen Rustico. Es ist sehr speziell.»

Pro tip
Stairways to heaven, Lodrino Lavertezzo, Claro Pizzo, Generoso Trail und viele andere: In Ticino gibt es zahlreiche Trailrunning-Wettbewerbe.
Der Name Cà San Matteo stammt von der kleinen romanischen Kirche hinter den Weinbergen der Familie. Dort hat vor 40 Jahren alles angefangen.
Unbedingt einen Besuch wert ist die Kopie des Freskos des Abendmahls von Leonardo da Vinci in der Kirche Sant’Ambrogio in Ponte Capriasca.

Direkt unter uns liegt die Kellerei, wo der Wein der Familie produziert wird, darunter der Merlot Capriasca aus heimischen Trauben. Lorenzo züchtet Bienen, die sehr guten Honig liefern, mein Vater Fernando stellt neben Wein und Grappa auch Essig und Mirto her.

Einige suchen die Ruhe, andere wollen wandern oder radern. Diese Region bietet viel und liegt in unmittelbarer Nähe zu Lugano.

«Ich bin der klassische Sonntagsläufer, der mit 40 Jahren beschloss, anzufangen.»

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Während des Scenic Trails ist gegenseitige Hilfe fundamental. Ist Teamarbeit auch für Ihr B&B wichtig?

«Natürlich. Den Lauf meistert Lorenzo gemeinsam mit Freunden, die sich gegenseitig unterstützen. Das gibt ihnen Kraft. Auch hier helfen wir uns gegenseitig. Viel Kraft bekommen wir auch durch unsere Gäste. Ausserdem können wir auf unsere Mitarbeiterinnen Marina und Irene zählen: Wir sind tatsächlich ein gutes Team.»

Wer weiss: Vielleicht treten Sie nächstes Jahr alle gemeinsam für den Scenic Trail an?

«Haha. Ganz bestimmt nicht. Das überlasse ich meinem Mann.»

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