Geschichte: Auszeit für die Seele

Die Kunst des Teetrinkens

Am Monte Verità in Ascona herrscht eine ganz besondere Energie: An diesem Ort werden Utopien geboren, Träume verwirklicht, Künste umgesetzt und antike Rituale gelebt. Auf sieben Hektar gibt es so viel...

Der Monte Verità, Sanatorium für Körper und Seele, wurde ab 1900 zum Sehnsuchtsort für Menschen auf der Suche nach alternativen Lebensstilen. Viele namhafte Künstler, darunter Hermann Hesse, Rudolf Laban, der Psychologe Otto Gross, Adlige, Anarchisten und viele andere, die an eine neue Gesellschaftsform glaubten, zog es auf den Hügel, dem eine besondere Energie nachgesagt wird. Ausgerechnet am Monte Verità wächst die einzige Teeplantage des europäischen Kontinents. Wie kam die asiatische Pflanze nach Ascona?

DAS IST

Katrin Lange, Leiter des Casa del Tè

Katrin Lange, Leiter des Casa del Tè
Wenn Chinesen Tee einschenken, widmen sie einige Tropfen den kleinen Glücksbringern auf dem Tablett, in Form einer Kröte oder eines Buddha.

Katrin Lange, seit 2017 sind Sie für die Casa del Tè hier am Monte Verità verantwortlich. Was passiert in diesem Teehaus?

Die Casa del Tè ist ein Kulturzentrum, in dem wir über die Geschichte des Tees informieren und Veranstaltungen und Ausstellungen organisieren. Darüber hinaus ist es auch ein Geschäft mit einer grossen Auswahl an Tee, klassische und spezielle Sorten, sowie regional produzierte Produkte aus Tee, wie Schokolade, Digestifs und Eis. Doch auch wer bei einer Tasse Tee ein Buch lesen möchte, ist willkommen.

Wie viele verschiedene Teesorten gibt es?

Hunderte. Es ist ein bisschen wie mit Wein: es gibt jungen und gereiften Tee, sehr aromatische oder besonders schmackhafte Varianten. Die grossen Gruppen an Teesorten sind aber nur 6. Und sie entstehen alle aus einer einzigen Teepflanze.

Was bedeutet das?

Die Teepflanze heisst Camellia sinensis (eine Verwandte der in der Region so beliebten Kamelie). Aus dieser Pflanze entstehen die Teesorten Grün, Schwarz, Weiss, Gelb, oolong und Pu Er (ein fermentierter Tee). Um die verschiedenen Sorten zu erhalten, wird die Verarbeitung der Pflanze verändert, doch die Grundsubstanz bleibt dieselbe. Es ist wie mit Kartoffeln: Aus derselben Knolle lassen sich Gnocchi, Rösti, Salate, Pommes Frites und viele andere Produkte herstellen.

Am Monte Verità herrscht ein besonderes Mikroklima, das das Wachstum ermöglicht. Im Jahr 2006 hat der Pflanzenexperte Peter Oppliger die aktuelle Casa del Tè kreiert, sich dabei aber allein auf Grünen Tee spezialisiert.

Katrin und weitere Helfer haben die Auswahl erweitert. Dies war möglich dank ihrer 40-jährigen Branchenerfahrung in Bern. Sie haben dann den Länggass-Tee kreiert (der den Namen einer zentralen Strasse in Bern trägt) und eine Kultur erschaffen, die sich rund um den Tee dreht, sei es mit kulturellen Veranstaltungen und Meditationen, sei es mit Ausschank und Verkauf von Teesorten aus aller Welt. Auch Seminare und Tee-Sommelier-Kurse gehörten dazu.

Seit Januar 2017 sind sie nun in Ascona und betreiben das Teehaus. Eine neue Herausforderung.

Hier am Monte Verità gibt es die einzige Teeplantage Europas. Es gibt circa 1'400 Pflanzen und es werden rund 3 kg Tee im Jahr hergestellt. Es handelt sich um eine Schau-Plantage, die Besuchern zeigen soll, wie Tee angebaut wird.

Jedes Jahr an Pfingsten veranstalten wir einen Event, bei dem gepflückt und Tee produziert wird. Zu diesem Fest reisen Spezialisten aus Asien an.

Beim Tee ist es wie bei der Kartoffel: Aus derselben Knolle lassen sich Gnocchi, Rösti, Salate und vieles mehr herstellen.

Hier organisiert man auch japanische Teezeremonien, an denen Besucher teilnehmen können. Es ist eine Form der Kunst. Während der japanischen Teezeremonie wird gemäss den buddhistischen Regeln der ideale Moment des Seins geschaffen. Anfangs ist es schwer zu durchschauen und wirkt sehr streng. Sehr viele Regeln müssen beachtet werden. Doch tatsächlich ist es eine der vollkommensten Formen einen Gast willkommen zu heissen.

 Die Teezeremonie ist Teil des Teeweges. Ein jahrelanges Studium ist notwendig, um das Ritual durchführen zu können.

Pro tip
In Zen-Gärten spielen auch Steine eine wichtige Rolle: Sie kommen von den Brissago-Inseln und markieren die Verbindung zum Monte Verità, zwei Orten der Stärke.
Zweimal im Monat können Sie an der Teezeremonie teilnehmen. Dieses alte Willkommensritual wird von Experten durchgeführt.
An Pfingsten (30. Mai 2019) findet das Fest der Teeernte in der Plantage am Monte Verità statt.

Jeden Morgen wird der Sand des Zen-Gartens gemäss dem Konzept Hier und Jetzt geharkt. Es spielt keine Rolle, was gestern war und was morgen passiert, wichtig ist, den Augenblick zu leben.

Wo liegen die Unterschiede beim Teetrinken in China und Japan?

«Selbst bei einem zweiwöchigen Besuch in Japan kann es passieren, dass man keine Teezeremonie sieht. Dort handelt es sich um eine private Angelegenheit, zu der Aussenstehende nur schwer Zugang haben. Anders in China: Dort wird einem der erste Tee wahrscheinlich schon vom Taxifahrer am Flughafen angeboten.»

Doch letztendlich steht Tee immer für Gastfreundschaft, egal ob in China, Japan oder im Tessin.

«100 g Tee können bis zu 5'000 Franken kosten.»

INHALTE TEILEN

DIE GANZE GESCHICHTE


FÜR SIE EMPFOHLEN


ANMELDUNG ZUM NEWSLETTER


Möchten Sie gerne mehr Geschichten übers Tessin? Dann melden Sie sich zum Newsletter an.



Geschichten

ZUR NÄCHSTEN GESCHICHTE