Geschichte: Ein Gespräch mit Damiano Robbiani

Hüter der Erinnerung

Die napoleonischen Milizen lassen die Geschichte und die Traditionen des Bleniotals mit Kostümen, Stolz und starkem Gemeinsinn wieder aufleben.

Im Sommer putzen sich die Dörfer Aquila, Leontica und Ponto Valentino heraus und feiern die napoleonischen Milizen. Eine einzigartige Gelegenheit, um im Austausch mit der Bevölkerung die Geschichte, Tradition und Identität des Tals mitzuerleben.

DAS IST

Damiano Robbiani, Mitautor des Buchs «Milizie della Val di Blenio – tra storia e memoria»

Damiano Robbiani, Mitautor des Buchs «Milizie della Val di Blenio – tra storia e memoria»
Die Verbundenheit der Bevölkerung des Bleniotals war der Kitt dieser Milizen: Sie hat dafür gesorgt, dass sie bis heute überlebt haben.

DIE GANZE GESCHICHTE


Die drei Militärformationen aus dem Bleniotal gehen auf ein ganz bestimmtes historisches Ereignis zurück: die Schlacht an der Beresina von 1812. Einige Soldaten aus dem Tal, die in Napoleons Armee dienten, versprachen, die Madonna und den Schutzheiligen ihres Dorfes zu ehren, falls sie den Russlandfeldzug überleben und in ihre Heimat zurückkehren sollten. Der Schwur, in dem sich Religiosität und militärische Riten vermischen, war Ausdruck von Dankbarkeit und starker Zugehörigkeit zur Region.
An den Patronatsfesten ehrt und erneuert die Bevölkerung der drei Dörfer seit über zweihundert Jahren mit Stolz das Versprechen ihrer Vorfahren. Der alpine Brauch lebt von bunten Uniformen, hohen Pelzmützen, Bajonetten und Säbeln der marschierenden Soldaten, vom Trommelwirbel und von alten militärischen und religiösen Ritualen.
Wir haben mit dem Historiker Damiano Robbiani gesprochen, Mitautor des Buchs «Milizie della Val di Blenio – tra storia e memoria». Bereit für eine Reise in die Vergangenheit?

Die Miliz von Leontica im Umzug, Hüter einer jahrhundertealten Tradition

Jedes Jahr erneuern die Einwohnerinnen und Einwohner von Aquila, Leontica und Ponto Valentino ihr Versprechen während der Patronatsfeste mit spürbarem Stolz. Die Prozessionen verwandeln die Dörfer in eine lebendige Bühne, auf der kräftige Farben, Tschakos, Bajonette, Säbel, Trommelwirbel und alte liturgische Gesten eine ferne, aber weiterhin präsente Vergangenheit wachrufen. Es ist eine einzigartige alpine Tradition, die 2012 in die Liste der lebendigen Schweizer Traditionen aufgenommen wurde.

Ich habe die Blenieser Milizen dank eines Universitätskollegen entdeckt, der aus dem Bleniotal stammt.
Salutschüsse sind Teil der Tradition

Dass gerade diese drei Milizen bis heute bestehen, ist kein Zufall: Entscheidend ist die tiefe Verbundenheit der Bevölkerung mit den Patronatsfesten und ihren Ritualen. Historische Forschungen zeigen, dass es einst auch in anderen Regionen des Tessins ähnliche Formationen gab, doch nur Aquila, Leontica und Ponto Valentino konnten Kontinuität und Bedeutung bewahren. Wichtig waren auch die Auswanderungsbewegungen: Wer aus dem Tal nach England, Norditalien oder Frankreich ging, kehrte zu den Dorffesten oft zurück und wollte diese mit besonderer Würde begehen, was den militärischen Charakter der Prozessionen stärkte.

Zudem weist jede Miliz eigene Merkmale auf: Aquila und Leontica tragen Uniformen, die sorgfältig an die napoleonische Epoche angelehnt sind, während Ponto Valentino die traditionelle Uniform der Schweizer Armee des 19. Jahrhunderts bewahrt hat, ergänzt durch einige Verzierungen der zurückgekehrten Auswandernden.

Die Miliz von Leontica marschiert im Rhythmus der Trommeln
Der Milizführer eröffnet den Umzug

Die Rollen werden von erfahrenen Mitgliedern weitergegeben und verlangen viel Einsatz; einige – wie jene der Trommler – erfordern besonderes Können.

Glaube, Geschichte und Tradition im Bleniotal
Die Miliz von Leontica marschiert in Formation
Pro tip
Im Bleniotal, bei der Capanna Gorda, kann man in einem Panorama-Zimmer übernachten. GAIA hat komplett verglaste Wände und freien Blick in den Sternenhimmel.
Kurz vor dem Lukmanierpass befindet sich die Luzzone-Staumauer. Hier wurde eine künstliche Kletterroute eingerichtet – mit 165 m ist sie die längste der Welt.
Zwischen Loderio und Olivone verläuft der Sentiero Alto Valle di Blenio – eine faszinierende Panorama-Wanderung in zwei Etappen.

Hinter dieser Tradition verbergen sich zahlreiche bedeutsame Geschichten. In den Archiven von Aquila wurden etwa Briefe von Migranten entdeckt, die ihren tiefen Wunsch schildern, in die Heimat zurückzukehren und die Madonna mit Gewehrsalven und militärischen Gewändern zu ehren.

Tradition, die mit der lokalen Gemeinschaft geteilt wird
Holzstatue, die ein Mitglied der Miliz von Leontica darstellt

Solche Zeugnisse zeigen, wie sehr diese Feste die Gemeinschaft stärken und bis heute zur sozialen Verbundenheit im Tal beitragen.

Der Umzug zieht durch die Gassen des Dorfes

«Die Teilnahme an den Zeremonien der Blenieser Milizen ist ein eindrückliches Erlebnis. Sie zeigen den starken Zusammenhalt der Dörfer und vor allem der jüngeren Generationen.»

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Vorbereitung mit traditionellen Uniformen, die Geschichte lebendig machen

Trotz politischer, religiöser und gesellschaftlicher Veränderungen haben die historischen Milizen des Bleniotals die Jahrhunderte bemerkenswert überstanden. Heute stellen sie nicht nur ein zentrales Kulturerbe der Region dar, sondern auch ein eindrückliches Erlebnis für alle, die sie miterleben: Erwachsene, Jugendliche und Kinder vereint in einem Ritual, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Viele sind überzeugt, dass diese Tradition dank des neuen Interesses an ihren Ursprüngen und der unermüdlichen Gemeinschaft auch in Zukunft fortbestehen wird.

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