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Ergin Çavuşoğlu, Proposition I: Distance
Die in der Ausstellung gezeigten Gemälde und Intarsienreliefs stellen Realität als eine Form der „Proposition“ dar, also als konstruierte Wahrheit. Wittgenstein verstand Bilder als Modelle der Wirklichkeit, die Beziehungen ausdrücken können, anstatt feste Bedeutungen zu vermitteln. In ähnlicher Weise suchen Çavuşoğlus Werke nicht nach einer stabilen oder endgültigen Darstellung, sondern konstruieren vielschichtige, unscharfe und beinahe traumartige Bilder, in denen Wahrnehmung als etwas Flüssiges, Ungewisses und vom Standort des Betrachters Abhängiges erscheint.
In Proposition I: Distance wird der Bildraum zu einem relationalen Feld. Figuren, Architekturen, Oberflächen und Tiefen scheinen in einem Zustand der Schwebe zu existieren, als stünde das Bild ständig kurz davor, sich zu definieren, ohne sich jemals vollständig zu schliessen. Mehr als das Unbewusste darzustellen, präsentieren diese Werke die Realität als eine kontinuierliche, instabile und relationale visuelle Repräsentation.
Die Ausstellung knüpft auch an Wittgensteins Interesse an unscharfer oder zusammengesetzter Fotografie an, in der das Bild nicht einem einzelnen, endgültigen Augenblick entspricht, sondern eine Vielzahl möglicher Deutungen andeutet. Wie Michael Nedo bemerkt, „zielte Wittgenstein auf eine andere Form von Klarheit ab, ausgedrückt durch die Fotografie der Unschärfe“. Diese Idee von Klarheit nicht als Schärfe, sondern als Öffnung des Sichtbaren, durchzieht das gesamte Ausstellungsprojekt.
Çavuşoğlu, bekannt für seine narrativen Filme und immersiven Installationen, stützt die Gemälde dieser Ausstellung auf einen Werkkomplex fotografischer Arbeiten aus den 1990er-Jahren, die in einer Übergangsphase entstanden: von theatralischen Inszenierungen und orchestrierten Situationen hin zur Untersuchung alltäglicher Situationen und liminaler Räume hinsichtlich ihres performativen Potenzials. Wie der Künstler anmerkt, zeigt dieser selten ausgestellte fotografische Werkkomplex Situationen, als wären sie in einem Studioumfeld konstruiert worden. Daraus entsteht ein subtiler Dialog zwischen dem Vertrauten, dem Alltäglichen und dem Unheimlichen, in dem das scheinbar Gewöhnliche eine schwebende, szenische und psychologisch ambivalente Qualität annimmt.
Innerhalb der Ausstellung ist ausserdem ein Werk von İsmet Çavuşoğlu, dem Vater des Künstlers, zu sehen. Seine Einbeziehung eröffnet eine weiterführende Reflexion über das Verhältnis von Nähe und Distanz und greift den konzeptuellen Kern von Vicinanza / Nähe auf, der jüngsten Ausstellung, die Estopia İsmet Çavuşoğlu gewidmet hat. In diesem Kontext wird Nähe nicht nur in einem familiären oder generationellen Sinn verstanden, sondern als wahrnehmungsbezogene, affektive und philosophische Bedingung. Nähe hebt Distanz nicht auf: Im Gegenteil, sie macht sie als Raum von Resonanz, Übertragung und Differenz sichtbar.
Proposition I: Distance befragt Distanz nicht als blosse Trennung, sondern als Bedingung, durch die Bild, Raum und Blick lesbar werden.
Merkmale
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WannVon 21.05.2026 bis 27.06.2026
- Kategorie Kunstausstellungen
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